Neuigkeiten aus Terra Buona

Terra Buona

 

Zeiten des Rückzugs und der Hinwendung
Nach den Erfahrungen der ersten 16 Monate haben wir unsere Ausrichtung und das Konzept von Terra Buona leicht verändert und aus diesem Grund unsere Internetseite überarbeitet.

Wir haben über das Jahr verteilt Zeiträume festgelegt, in denen Menschen auf Terra Buona mit uns bzw. dem jeweiligen Hüter bzw. der Hüterin leben können. In diesen Zeiten können Menschen auf Terra Buona in ihr persönliches Retreat gehen. Wir verstehen darunter eine Zeit des Rückzugs aus den alltäglichen Gepflogenheiten und eine Hinwendung nach Innen, in Verbindung mit sich selbst, der Natur und Gott. Solveig und ich, Damiano, begleiten die Tage und stehen zur Verfügung für innere Arbeit. Etwas ausführlicher könnt ihr das auf unserer Internetseite www.terrabuona.de nachlesen.

Etwas zum Hintergrund und zu den Erfahrungen der ersten 16 Monate unserer Zeit auf Terra Buona haben wir hier beschrieben: https://terrabuona.wordpress.com/die-geschichte/. Wir haben ein Kapitel zu unserer Geschichte zugefügt. Ihr findet das unter „Die Geschichte geht weiter“, fast am Ende des Textes.

Die Zeiten, in denen Menschen zum Retreat willkommen sind, findet ihr hier: https://terrabuona.wordpress.com/zeiten/

Vielleicht passt ja der ein oder andere Zeitraum und du hast Interesse an einer Zeit des Rückzuges. Dann melde dich bei uns. Du bist herzlich willkommen.

Terra Buona auf YouTube
Ich habe ein neues Experiment begonnen und auf meinem YouTube-Kanal ein neue Reihe kreiert: „Neues aus Terra Buona“. Das sind kurze Videos, aufgenommen auf Terra Buona, mit denen ich die Zuschauer*Innen von Zeit zu Zeit am Leben auf unserem Bergbauernhof in Umbrien teilhaben lassen möchte. Mir macht es Spass, vor der Kamera zu erzählen und so möchte ich etwas von unserer Vision und unserem Projekt, im Einklang mit der Natur zu leben, vermitteln. Ob es gelingt, wird sich zeigen. Ich freue mich über euer Feedback und eure Anregungen. Schreibt sie in die Kommentare unter den Videos.

Hier findet ihr die erste Folge:  https://youtu.be/W7TTaQBUt9M

Und die zweite folgt sogleich: https://youtu.be/nyB50UDTRhM

 

 

 

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Das erste Jahr – Danke!

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Der Herbst ist nun unzweifelhaft da. Die Nächte sind kalt, die Tage sonnig und kühl. Die Natur bekommt eine neue Färbung. Die unter der Sommerhitze verdorrten Wiesen sind wieder grün, die Herbstblumen blühen, der Wald färbt sich bunt. Im Garten verabschieden sich die Sommerpflanzen. Noch schenkt uns die Erde Tomaten in Fülle, Zucchinis, Gurken, Paprika und Auberginen, aber das Erntejahr geht zu Ende. Die Oliven reifen an den Bäumen und die letzten Walnüsse fallen zu Boden. Kohl und Fenchel wachsen nun heran. Das Licht bei Sonnenuntergang wird golden. Dann kommt die Zeit des Tages, wo die Farben der Schöpfung noch bunter leuchten, die Bruchsteinmauern von Licht durchtränkt erscheinen und ein strahlender Schlussakkord die Nacht begrüßt.

Gestern, am 7. Oktober, vor einem Jahr unterschrieben wir den Kaufvertrag für Terra Buona, den Bergbauernhof bei Assisi in Umbrien. Ein Jahr stehen wir nun in der Verantwortung für das Haus, das Land und die Tiere, die hier mit uns leben. Wir sind glücklich und dankbar, dass wir dieses Abenteuer gewagt und uns ins Ungewisse begeben haben. Zwei Wohnplätze, unsere therapeutische Fortbildungs-Arbeit in Deutschland, die Fahrten zwischen Simonswald und Assisi, die Tätigkeiten im Garten, im Wald und im Olivenhain, unsere beiden Söhne, die mit uns in diesem neuen Leben unterwegs sind, all das und noch mehr erfordert von uns, dass wir uns weit aufspannen, weit über unsere persönlichen Bedürfnisse hinaus. Wir sind einem Ruf gefolgt, den jeder von uns auf eine eigene Weise vernommen hat ohne zu wissen, wohin er uns führt. Nun entfaltet sich mit uns auf Terra Buona dieses Wunder.

Wir freuen uns über die vielen Menschen, die in diesem ersten Jahr auf Terra Buona waren. Freunde sowie Menschen, die wir nicht kannten, bereicherten den Ort. Vor allem für diejenigen, die während unser Abwesenheit das Haus gehütet haben, sind wir sehr dankbar. Mit Vertrauen haben wir in diesen Zeiten Haus und Hof überlassen. Dabei mussten wir lernen, wie wichtig es ist, klar unsere Anliegen zu kommunizieren, genaue Absprachen zu treffen und auch Regeln zu formulieren. Neben so mancher Überraschung blieben viel Inspiration und Anregung: jemand brachte uns Samen von Gemüsemelde mit, die unseren Speiseplan im Sommer bereicherte, ein anderer säte köstliche Cocktailtomaten, die Wildkräuter rückten mehr in unsere Aufmerksamkeit, es tauchten praktische Ideen zur Fermentierung von EMs (Effektive Mikroorganismen) auf und schließlich sprachen gleich mehrere von „Terra Preta“, der schwarzen Erde, deren Herstellung wir uns nun intensiv widmen. Und die innere Inspiration, entstanden aus den Begegnungen, den vielen Gespräche und Sharings, den Zeiten der Stille und des fröhlichen Miteinanders.

Im nächsten Jahr wird sich unser Lebensmittelpunkt vermutlich mehr nach Italien verschieben. Ob unsere Pläne aber mit dem Wirken des großen Ganzen übereinstimmen, wird sich zeigen. Nach diesem ersten Jahr ist für uns spürbar geworden, dass Terra Buona ein Ort ist, an dem Menschen willkommen sind, die nach Innen schauen wollen, Orientierung suchen und die sich vom Geist berühren lassen wollen. Terra Buona ist ein Ort, an dem Menschen für eine Woche oder mehr in ihr persönliches Retreat gehen können. Wir begleiten und geben Impulse, getragen vom Geist des Franziskus, der in besonderer und einzigartiger Weise den göttlichen Funken in diese Welt getragen hat und damit ein Feuer entfachte, das immer noch brennt. Wir schüren dieses Feuer und laden ein, sich entzünden zu lassen.

Wer gerne eine Weile auf Terra Buona mitleben möchte, vielleicht zur Olivenernte kommen (ab dem 27.10.) oder ruhige, wahrscheinlich nicht ganz so verregnete Novembertage verbringen will, ist herzlich willkommen und kann mit uns Kontakt aufnehmen.

Alles in Ordnung?

Anfang der 80er Jahr kam der Film Koyaanisqatsi in die Kinos, der mich damals sehr fasziniert hat. In eindrucksvollen Bilder, Zeitraffersequenzen und Zeitlupenaufnahmen, begleitet von kraftvoller Musik von Philip Glass, zeigt er die Eingriffe des Menschen in die Natur und die Folgen des zivilisatorischen Schaffens. Der Name ist ein Wort aus der Hopi-Sprache und bedeutet „Leben, das aus dem Gleichgewicht geraten ist“.

Ich wurde in der vergangenen Woche an diesen Film erinnert, als ich auf unserem Land von Terra Buona bei Assisi saß und ich mir dessen gewahr wurde, was es bedeutet, wenn Natur „in Ordnung“ ist. Der Bach rauscht in der Ferne nach heftigen Regenfällen, die Vögel zwitschern, das noch vom letzten Sommer trockene Gras bewegt sich im Wind, der Boden ist feucht und die wenigen Häuser der Menschen passen sich mit ihrer Bauweise aus groben Steinen in die Landschaft ein. Dann fällt mein Blick auf eine Baumplantage: alle Bäume in Reih und Glied, ich sehe die Stromleitung, die in einer Schneise entlang läuft, die durch den Wald geschlagen wurde. Ich selber mache gerade eine Pause, nachdem ich Bäume im Wald gefällt habe, um Holz für den nächsten Winter zu machen.

Jeder Eingriff in die Natur verändert die Ordnung. Eine ganze Weile, bis zu einem nicht ganz genau bestimmbaren Grad geht das gut und kann sogar dazu beitragen, dass aus dem Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur eine noch stabilere, lebensfreundliche Kultur entsteht – der Mensch ist ja schließlich auch Natur. Gefährlich wird es, wenn wir die natürliche Ordnung verlassen. Wenn wir das komplexe Wechselspiel aller Phänomene einseitig belasten oder ungeachtet dessen dem Ganzen unseren egozentrischen Willen aufdrängen. Das gilt für jede Form des Kulturschaffens, für ökologische, ökonomische und politische Zusammenhänge. Das gilt aber auch für unsere Beziehungen und unser individuelles Dasein.

Leiden beginnt dort, wo Menschen die Erfahrung machen, dass sie aus der Ordnung herausgefallen sind. Leben gerät in Unordnung. Die natürliche Tendenz von lebendigen Organismen, sich andauernd neu zu organisieren und an die Gegebenheiten anzupassen, sorgt zwar für ein Überleben, aber wenn das Gleichgewicht so empfindlich gestört ist, dass die Regulationsmechanismen nur noch Chaos produzieren, befinden wir uns in einem alarmierendem Zustand. Dann ist es Zeit, innezuhalten, mit dem aufzuhören, was in die Misere geführt hat und mit dem aufzuräumen, was dem natürlichen Fluss den Lebens entgegen steht. Zeit für Gestalt, für Stille, für Gebet, Zeit für Neu-Beginn.

Der Film endet mit einer Profezeiung der Hopis:

„Wenn wir wertvolle Dinge aus dem Boden graben, laden wir das Unglück ein. Wenn der Tag der Reinigung nah ist, werden Spinnweben hin und her über den Himmel gezogen. Ein Behälter voller Asche wird vom Himmel fallen, der das Land verbrennt und die Ozeane verkocht.“

Möge es nicht soweit kommen.

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Schaut euch doch mal meine Videos auf meinem neunen Youtube-Kanal an.  Dort veröffenbtliche ich Videos veröffentlichen, in denen ich von meinen Erkenntnissen und Erfahrungen der letzten 35 Jahre Bewusstseinserforschung berichten möchte. Ich habe es Couch-Geflüster genannt. Auf meiner Couch spreche ich alleine in die Kamera oder mit Gesprächspartnern über Themen, die viele Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben beschäftigen.

Das ist der Link: https://www.youtube.com/channel/UCjoc0dpYqMaKvnxwdbixLVg

 

Die Quelle der Freiheit

 

Wenn ich in diesen Tagen in die Welt blicke, kommt mir die erste von Buddhas edlen Wahrheiten in den Sinn: Leiden existiert. An so vielen Orten zeigen sich Not und Elend, das Leid, das sich aus Haß, Gier und Verblendung entsteht. Leiden existiert, hier und jetzt.

Wozu nehmen wir Zuflucht in diesen Tagen? Was trägt in Zeiten, in denen das Leben von vielen als immer unsicherer erfahren wird? Alle Versuche, aus den Zyklen des Leidens auszusteigen ohne die Wurzeln des Leidens selbst zu erforschen, wird dazu führen, dass wir noch mehr von den Ersatzstoffen brauchen, die uns vorgaukeln, dass doch alles gut ist.

In meiner Arbeit beobachte ich immer wieder, wie heilsam es ist, wenn Menschen sich trauen, ihrem Lebensschmerz zu begegnen und nicht mehr ausweichen. Erst in dieser Begegnung enthüllt sich das eigentliche Kraft- und Heilungspotenzial, das sich hinter den mühsamen Versuchen verbirgt, das eigene Leiden von sich fernzuhalten. Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages.

Wir brauchen den Mut, persönlich wie kollektiv, in das Zentrum dessen vorzudringen, was Leiden verursacht. Darin liegt die Quelle der Freiheit. Darin liegt liegt auch die Ermächtigung dazu, aufzustehen und Nein zu sagen, wenn es ansteht, klare Grenzen zu setzen – individuell und kollektiv. Die Wahrheit darüber auszudrücken, was wir wahr-nehmen in unseren privaten Beziehungen und in den politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Zusammenhängen. Wenn der Kaiser keine Kleider mehr trägt, sollten wir nicht auf ein Kind warten, das diese Wahrheit benennt – und dann wohlmöglich noch peinlich berührt sein.

Ich wünsche mir, dass sich immer Menschen in diesem Wissen verbinden und mit aller Entschlossenheit daran arbeiten, die Schleier der Ignoranz zu lüften und so miteinander eine Neue Welt entstehen zu lassen. Eine Weisheit der Ureinwohner Amerikas sagt: Ein Krieger ist nicht der, der keine Angst hat, sondern der, der trotz seiner Angst für seine Sache eintritt. Ich möchte ergänzen: Eine Kriegerin oder ein Krieger ist der Mensch, der bereit ist, in die Essenz des Leidens einzutauchen, auch wenn es sinnlos erscheint, weil er weiß, dass dort die Quelle der Liebe sprudelt.

Nutzt alle Möglichkeiten, Mut und Entschlossenheit zu trainieren, verbindet euch und hört nicht auf, die Dinge beim Namen zu nennen, die euch merkwürdig vorkommen und genießt das Leben.

Eine kleine Geschichte von Terra Buona

Ich poste hier im Blog den Text, den ich nun auf unserer Internetseite unter dem Menü-Punkt „Geschichte“ veröffentlicht habe.

Es begann mit einem Ausflugassisi01
Unser Projekt Terra Buona hat Geschichte und ist mit den Leben vieler Menschen verbunden. Für mich, Damiano, begann die Geschichte 1976, als ich im Alter von 16 Jahren an einer Romfahrt teilnahm und von Rom aus mit der Gruppe einen Tagesausflug nach Assisi machte. Dieser Tag veränderte und prägte mein künftiges Leben und legte gewissermaßen den Grundstein für die Übernahme von Terra Buona 40 Jahre später am 7. Oktober 2016. Der Besuch in Assisi entzündete ein Feuer und eine Liebe für Franziskus und seine Heimatstadt, die mich nicht mehr losließ. Von dem Menschen Franziskus, der 800 Jahre vor mir lebte, wehte ein Geist in meine Gegenwart, der mich bewegte und mir Antworten auf Fragen gab, die ich mir selber noch gar nicht stellte. Ich traf damals die Entscheidung, jedes Jahr mindestens einmal nach Assisi zu fahren, was mir bis Ende der 80er Jahre gelang. Die Stadt wurde mir zur Heimat. Franziskus war Gottsucher, Rebell und ein radikaler Christ. Das entsprach meinem Lebensgefühl und meiner Ausrichtung.

San Masseo – Traum von franziskanischem Leben
Als ich 1981 den Plan fasste, nach meinem Zivildienst ein halbes Jahr zu verreisen, um meinen weiteren Lebensweg klarer sehen zu können, erzählte mir Wilfried Schumacher, mein Freund und priesterlicher Begleiter, mit dem ich meine Franziskus-Liebe teilte und immer noch img_3856teile, von einem Projekt bei Assisi, das von Bruder Bernardino ins Leben gerufen wurde, den wir 1976 bei einer geistlichen Führung durch San Damiano in Assisi kennengelernt hatten. Der Franziskanerpater hatte begonnen, einen alten Bauernhof, dessen Grundmauern zu einer Kirche aus dem 11. Jahrhundert gehörten, wieder aufzubauen und
ein geistliches Begegnungszentrum für Jugendliche zu gestalten: San Masseo. Sofort wusste ich, dass mich meine Reise dorthin führen würde. Sieben Wochen blieb ich in San Masseo und entwickelte eine starke Verbindung zu diesem Ort, an dem zeitweise mehr als hundert meist junge Menschen lebten. Bei aller Verschiedenheit verband uns das fullsizerender-3Feuer der Suche, das in unseren jugendlichen Herzen brannte. Ich lernte in San Masseo einen Gemeinschaftsweg kennen, der einerseits klösterliche Aspekte enthielt und andererseits offen war für die individuellen Lebensentwürfe der Menschen, die dort zusammen lebten. Der Tagesablauf war ein rhythmischer Wechsel von Zeiten des Gebets und dezur Schöpfung und konkreter Realisierung der Liebe zu Gott und den Menschen geprägt ist. In dieser Zeit musste ich auch schmerzlich feststellen, dass dort, wo das Licht ist und Begeisterung entsteht, auch Schatten und Verletzung anzutreffen sind. Die Idealisierung von menschlichen Lehrern beinhaltet unmittelbar die Möglichkeit der Enttäuschung. Aber was ist Ent-Täuschung img_3857anderes, als eine Befreiung von einer Illusion? Die Illusion, von der ich befreit wurde, war die Annahme, dass ich das, was ich suchte, im Außen bei anderen Menschen, die klüger, weiter, konsequenter usw. erschienen, finden würde. Und so war ich tatsächlich bei Franziskus angekommen, der immer wieder auf die einzige Autorität seiner Lebensentscheidungen verwies: Christus selber.
(1983 drehte Hans-Georg Peschke für den NDR einen Film über San Masseo: Aussteiger auf Zeit)

Begegnung mit Terra Buona
In San Masseo lernte ich auch Herbert kennen. Der Gemüsegärtner aus Vorarlberg war kürzlich von einem Aufenthalt als Entwicklungshelfer in Papua-Neuguinea zurückgekehrt und war in San Masseo gelandet. Dort übernahm er als erster fester Mitarbeiter von img_3860Bernardino die Aufgabe, Gärten zu anzulegen und sie gemeinsam mit den „Gästen“ zu pflegen. Doch schon 1981 fand er einen abgelegener Bergbauernhof bei Armenzano 10 km von Assisi entfernt hinter dem Monte Subasio, den er durch wunderbare Unterstützung kaufen konnte. Im November zog er dort ein und nannte den Ort „Terra Buona“, die gute Erde. Es sollte ein Platz werden, an dem sich ähnlich wie in San Masseo Menschen eine Weile abseits vom Alltag in die Stille zurückziehen, arbeiten und gemeinschaftlich zusammen leben können. Im September 1982 fuhr ich gemeinsam mit einem Freund zu einem „Arbeitseinsatz“ nach Terra Buona, um Herbert bei den Renovierungsarbeiten zu helfen. Bei der Gelegenheit bauten wir eine Dusche ein, obwohl es im Haus noch kein fließendes img_3862Wasser gab. Ich erzähle diese Geschichte gerne, denn es erscheint mir so bezeichnend für dieses Projekt und so viele andere dieser Art, wo zu Beginn eine Vision entsteht und jemand den Mut hat, anzufangen, auch wenn die Bedingungen noch nicht dem entsprechen, was dieser Mensch in seiner Utopie tatsächlich sieht. Es gab in den folgenden Jahren noch einige Besuche bei Herbert, aber dann rückte Terre Buona in den Hintergrund meines weiteren Lebens.

Terra Buona blühte auf. Viele Menschen lebten dort mit Herbert und genossen mit großer Wertschätzung seine liebevolle Gastfreundschaft. Die Gästebücher sind voll von Liebe und Dankbarkeit für wichtige Lebenszeiten und die Gemeinschaft, die Herbert in seiner unvergleichlichen Art entstehen ließ. Schafe und andere Nutztiere belebten den Platz und img_3788sorgten auch dafür, dass die Arbeit nicht ausging.

Das Erdbeben 1997 machte das Haus unbewohnbar. 6 Jahre dauerte der Wiederaufbau, in denen Herbert in einem Wohncontainer lebte und auch dort das Gemeinschaftsleben lebendig hielt. Seither erstrahlt das Haus in erdbebensicherer Schönheit.

Terra Buona wieder entdeckt – das Wunder beginnt
Als ich 2015 mit einigen Menschen in Assisi war, um von Franziskus zu erzählen und seinen Geist zu vermitteln, tauchte Terra Buona wieder in meinem Bewusstsein auf. Zunächst bei einer Fahrt über den Monte Subasio, bei der ich Solveig von Herbert und dem Platz erzählte. Wir wären auf der Rückfahrt beinah bei Armenzano abgebogen, um Herbert zu besuchen, wenn ich es nicht vorgezogen hätte, den Sonnenuntergang in Assisi zu betrachten. Am Vorabend meiner Rückreise – die Teilnehmer der Gruppe waren schon abgereist – entdeckte ich im Schaufenster einer Immobilien Agentur ein Foto, auf dem ich sofort das Haus von Terra Buona erkannte. Die Anzeige war unmissverständlich: Terra Buona wird verkauft. Am nächsten Morgen, dem 10. November 2015, machte ich mich mehr aus Neugier, als aus Kaufabsichten auf den Weg nach Armenzano. Ursprünglich wollte ich mir ein Haus anschauen, das mir von der Agentur empfohlen wurde, was sich aber als zu abgelegen erwies. Auf der Rückfahrt kam ich an einem Straßenschild vorbei, das den Weg nach Armenzano wies und ich bog kurz entschlossen ab. Dort anzukommen war aufregend und vertraut zugleich. Die Olivenernte war in vollem Gange. Als im 20151110_103507_0007Eingangsbereich des Hauses durch das Fenster schaute, staunte ich nicht schlecht. Denn dort saß am Küchentisch Winfried Pilz, ein Priester, mit dem ich ab meinem sechsten Lebensjahr vier Jahre tagtäglich nach der Schule am Mittagstisch saß, weil meine Mutter seinen Haushalt führte und für ihn kochte. Ich bewunderte ihn als Kind und er inspirierte mich zu dem Wunsch, Priesters zu werden. Auch uns verband spätestens seit einer gemeinsamen Reise nach Assisi die Liebe zu Franziskus. Er war einer Einladung gefolgt und auf einigen Zufallswegen nach Terra Buona gekommen. Und so begegneten wir uns hier wieder. Von Herbert erfuhr ich, dass er sein Anwesen aus gesundheitlichen Gründen verkaufen will. Augenblicklich brannte in mir das Feuer und der Wunsch, diesen Platz mit seiner wilden und unberührten Natur zu übernehmen und endlich den Traum zu verwirklichen, der seit meiner Zeit in San Masseo in mir lebendig geblieben war. Herbert war über diesen Gedanken sehr erfreut. Sein Wunsch war es, jemanden zu finden, der Terra Buona in seinem Sinne weiter führen würde.

Vom Traum zur Wirklichkeit 
Mein Heimweg nach Deutschland glich einem Tiefflug mit wildem visionärem Wind unter den Schwingen. Solveig reagierte auf die Bilder und die Erzählungen mit großer Freude und Zustimmung. Sie hatte einen tiefen visionären Eindruck, dass die Steine von Terra Buona singen und das als Bestätigung empfand, dass dies der Ort ist, der uns ruft. Nun blieb nur noch die leidliche Frage zu klären, wie wir das Projekt finanzieren würden. Eine Freundin und Teilnehmerin in unseren Gruppen kam uns in den Sinn, die über Geldmittel verfügt, die sie in der Vergangenheit ähnlichen Projekten zur Verfügung gestellt hat. Wir erzählten ihr von dem Plan und überlegten verschiedene Modelle von privater oder gemeinschaftlicher Finanzierung, Vereins- oder Stiftungsgründung. Letztlich kam es aber nicht dazu, dass sie uns zu diesem Zeitpunkt eine Zusage machen konnte, so dass wir andere Möglichkeiten erkunden mussten. Wir waren parallel zu den wirtschaftlichen 20151110_110631_0005Fragen auch mit unserem inneren Prozess beschäftigt: Wollen wir uns auf eine derart einschneidende Lebensveränderung einlassen? Wie können wir ein Leben gestalten, das wir an zwei Orten verbringen mit zwei Häusern, die wir Menschen zur Verfügung stellen, mit unserer Arbeit als Gestalttherapeuten und Fortbildungsleiter, als Eltern zweier Kinder, Vorstand einer Schule etc.? Wo wollen wir unseren Lebensmittelpunkt haben? Für mich war klar, dass Terra Buona die vollkommene Realisierung meines größten und intensivsten Traums werden könnte, der mich seit fast vier Jahrzehnten begleitete: Einen Platz inmitten der Natur zur Verfügung zu haben, wo Menschen auf dem Weg ihrer Suche und Lebensgestaltung innehalten können, um tiefer zu ergründen, was ihre geistlichen Wurzeln sind und was sie im Leben bewegt. Aber damit waren wir noch nicht bei der Verwirklichung des Traums im materiellen Sinne.

Und dann kommt es anders
Zum Jahresende fuhren wir mit Freunden nach Assisi, damit Solveig Terra Buona sehen und fühlen konnte, um eine Entscheidung zu treffen, ob wir tatsächlich, gemeinsam als Familie das Abenteuer wagen würden. Wir verbrachten mit Johannes-Peter (der übrigens den Impuls zu der Assisireise im November gegeben hatte) und Isabell Sylvester und Neujahr in Assisi und besuchten Herbert, der uns viel von der Terra-Buona-Geschichte erzählte. Die Zeit auf dem Land nutzten wir, um zu spüren und in die winterliche Landschaft einzutauchen. Solveig sah sich in ihrer ersten intuitiven Ahnung bestätigt und erlebte nun mit den Füßen auf der Erde stehend ihre Verbindung und Liebe zu dem Land und zu den Gebäuden, so dass wir ein klares Ja aussprechen konnten. Im März erfuhren wir von Herbert, dass es potentielle Käufer gäbe und ein Termin für die Unterzeichnung des Vorvertrages feststünde. Wir hätten noch 5 Tage Zeit, unsere Entscheidung zu treffen und wir wären eindeutig seine erste Wahl, aber vorwiegend wolle er jetzt verkaufen. Davon angespornt, nutzten wir alle Kommunikationsplattformen, die uns zur Verfügung standen – von Newsletter bis facebook -, um kurzfristig Geld zu generieren und die Finanzierung zu ermöglichen. Tatsächlich fanden wir Menschen, die ihre Bereitschaft signalisierten, uns höhere Beträge zur Verfügung zu stellen, aber letztlich, war der Zeitfaktor nicht auf unserer Seite. So entschieden wir uns, loszulassen und auf Terra Buona zu verzichten.

Einige Tage später erhielten wir einen Anruf von Herbert, der uns folgende Geschichte erzählte: Am Morgen des Tages der Vertragsunterzeichnung war er, einem inneren Impuls folgend, noch einmal in die Kirche Santa Chiara in Assisi gegangen, um vor dem Kreuz, vor dem Franziskus in den Zeiten seiner Ungewissheit gebetet hat, noch einmal um eine klare Entscheidung zu bitten und dafür zu beten, dass er Terra Buona an den richtigen Käufer kreuz_san_damiano_520weitergeben möge. Das Kreuz stand ursprünglich in San Damiano, ein Kirchlein, das Franziskus nach einer Vision wieder aufgebaut hatte. Und jener Tag der Vertragsunterzeichnung war der Festtag des Heiligen Damian. Dann fanden die Vertragsformalitäten statt. Als es dann zur Unterschrift kommen sollte, stockte Herbert. Das bemerkte seine Begleiterin, die ihm vorschlug, die Entscheidung noch eine Nacht zu überschlafen. Das fand Herbert eine gute Idee und äußerte seinen Wunsch, sich nach vierundzwanzig Stunden noch einmal zu treffen, um dann zu unterschreiben. Das löste bei den potentiellen Käufern, die tatsächlich nicht diejenigen waren, mit denen Herbert die Wochen zuvor kommuniziert hatte, eine gewaltige Wutwelle aus. Herbert sagte, es hätte nicht viel gefehlt und es wäre zu körperlicher Gewalt gekommen. Nachdem er sich das Donnerwetter 20 Minuten angehört hatte und sich wie eingefroren fühlte, packte ihn seine Begleitung am Arm und zog ihn aus dem Büro. Damit war der Verkauf geplatzt.

Wieder standen wir neu vor der Frage: Sollen wir uns auf das Abenteuer einlassen. Wir bekamen eine neue Chance, mehr Zeit und Zeichen, die immer deutlicher darauf hinwiesen, dass wir als zukünftige Besitzer von Terra Buona vorgesehen sind.

So gingen wir weiter mit neuer Entschiedenheit, aber ohne die finanziellen Mittel. Mit jedem gescheiterten Versuch, eine wirtschaftliche Basis für das Projekt zu schaffen, schien es klarer zu werden, dass wir nicht in er Lage sein würden, den Traum Realität werden zu lassen. Ein Paradox: Alles wies eindeutig auf uns, aber wir sahen uns vor unüberwindbaren materiellen Hindernissen. Nur die schmerzliche Entscheidung zu treffen und Herbert mitzuteilen, dass wir nicht mehr als Käufer in Frage kämen, konnten wir noch nicht über unsere Herzen bringen.

Das Wunder 
Nach Ostern kam die Wende: Unsere Freundin, mit der wir anfangs wegen des Geldes im Gespräch waren und die unseren bewegten Prozess beobachtet hatte, fragte uns sonntags am Ende eines Seminars buchstäblich zwischen Tür und Angel wie es eigentlich mit Terra Buona aussähe. Wir beschrieben ihr die Situation und dass wir uns nicht in der Lage sähen, das Projekt wirtschaftlich zu realisieren. Ihre Antwort war einer jener Momente, in denen sich plötzlich Türen am Himmel auftun und das Leben Quantensprünge zu vollführen scheint: Was wäre denn, wenn ich euch das Geld geben würde, sagte sie. Das war der Funke, der das Feuer für Terre Buona nun unlöschbar auflodern ließ. Na klar wären wir dabei! Nun vergingen noch zwei Tage, in denen Dinge geklärt und abgefragt werden mussten und ich war nicht sicher, ob ich mich inmitten einer farbigen Illusion befand und ob ich mich nicht verhört hatte und ob es sich nicht um eine hypothetische Frage gehandelt hatte, bis dienstags – es war der 10. Mai, genau ein halbes Jahr noch meinem Besuch bei Herbert – das Telefon klingelte und ich den Satz hörte: Ich gebe euch das Geld. In dem Moment verstand ich, warum Menschen sich bei manchen Botschaften hinsetzen müssen. Ich musste mich setzen. Nun war nicht nur der Himmel offen, sondern eine ganz Schar von Engeln war dabei, einen Weg für das Projekt Terra Buona zu bereiten.

Nun galt es, die Form zu finden, in der wir das Anwesen übernehmen würden und wirksam werden könnten. Der erste Impuls, eine Stiftung zu gründen, erwies sich nach näherem Hinsehen als zu kompliziert, die Vereinslösung schied auch aus. Die Lösung, die wir mit unserer Freundin entwickelt haben ist eine Mischung aus geschenktem Kapital und einen Privatdarlehen mit sehr günstigen Konditionen, die uns wirtschaftlich nicht in die Enge treiben, trotzdem aber deutlich machen, dass wir auch finanziell in eine Verantwortung gehen, die uns herausfordert und Engagement verlangt. Darüber sind wir sehr glücklich und dankbar!

Terra Buona in unsere Hände gelegt
Der Kauf zögerte sich dann noch einmal bis zum 7. Oktober 2016 heraus. An diesem Tag trafen wir uns mit Herbert und seinen Freunden, die ihn treu und liebevoll mit Sachkompetenz und Herzenswärme begleiteten, in Bozen beim Notar (in Südtirol spricht man Italienisch und Deutsch) und leisteten etwa 25 Unterschriften. Mit so vielen 20161007_124656Namenszügen auf den Papieren, wird der Vertrag bestens halten. Entscheidend ist allerdings unser Ja zu diesem wunderbaren Stück Land, zu den Pflanzen, Tieren und Wesenheiten, die Terra Buona bevölkern, zu den Gebäuden, den Nachbarn, die uns gastfreundlich willkommen heißen und schließlich unser Ja zu dem Ruf, den wir vernommen haben und dem wir folgen, begleitet von Franziskus, dessen Präsenz uns schlussendlich an diesen Ort geleitet hat.

Am Abend der Unterzeichnung des Kaufvertrages kamen wir spät, angestrengt und überglücklich in Terra Buona an. Morgens hatte Herbert das Haus verlassen und abends zogen wir ein. Da wir im Sommer schon einige Wochen hier gelebt hatten, fühlten wir uns mit dem Haus und den praktischen Dingen vertraut. Die Hunde begrüßten uns freudig und auch die Katze kam, um ihr Futter zu bekommen. Es war traum-haft im wahrsten Sinne img_3154des Wortes. Wie im Zustand des Aufwachens in den frühen Morgenstunden zwischen Traum und Wirklichkeit noch nicht klar unterschieden werden kann, waren die ersten Tage in Terra Buona fast unwirklich. Das Ankommen erschien mir, als wenn sich innere und äußere Lebenswirklichkeiten, Vergangenes und Gegenwärtiges, langsam übereinander schieben und in Übereinstimmung kommen würden. Ein merkwürdiges Erleben. Im Wunder der Geburt meiner beiden Söhne durfte ich das Hervortreten von neuem Leben in seiner Tiefe erfahren. In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie Menschen Transformationsprozesse durchleben und aus alten Verwicklungen in eine neue Lebenswirklichkeit eintreten. In den Tagen auf Terra Buona erlebte ich einen ähnlichen Verwandlungsprozess.

Gleichzeitig war Vergangenes gegenwärtig: In den Unterlagen fand ich alte Liedblätter aus San Masseo mit Liedern, die mich seither begleiten. Ich fand die italienischen Stundenbücher und Liedtexte, die in San Damiano auslagen, wo wir fast täglich morgens und abends das Stundengebet mit den Franziskaner-Brüdern sangen. Ich entdeckte in img_3859Herberts Fotosammlung ein Foto von mir als 21-Jähigen mit ihm auf dem Traktor von San Masseo. Die Betten in denen wir schliefen, der Backofen im Garten und die Öfen im Haus sind von Franz gebaut, der in San Masseo die Betten zimmerte und mit dem ich einen Sonnenkollektor auf das Dach in San Masseo setzte. Bücher, die mich in meinem Theologiestudium begleiteten und die ich schon lange nicht mehr in meinem Bücherregal stehen habe, entdeckte ich hier wieder. Und schließlich die Tatsache, zwanzig Autominuten von der Stadt entfernt zu leben, zu der ich mich in den Jahren meines jungen Erwachsenenseins schmerzhaft sehnend von Deutschland aus hingezogen fühlte, die eine Weile brauchte, um langsam in das Bewusstsein einzusickern, dass dies nun tatsächlichen mein Leben ist und welcher Wandel sich augenblicklich vollzieht. Das, was vor einiger Zeit dem Bereich der Erinnerung zugehörte, war nun gegenwärtig und greifbar.

Wieder-Begegegnung – Kreise schließen sich
Ich entdeckte auch Spuren von Bruder Bernardino. Neben seinen Rundbriefen und den img_3858Erzählungen von Herbert waren es die Spuren, die er in meiner Erinnerung hinterlassen hat. Bernardino ist einer meiner ersten wichtigen spirituellen Lehrern und ich fühle große Dankbarkeit. Meine letzte Begegnung mit ihm lag mehr als 25 Jahre zurück. Ich besuchte ihn damals an seinem Rückzugsort bei Todi, wo er ein Sabbatjahr verbrachte, nachdem der Franziskanerorden ihn von San Masseo abgezogen hatte. Ich wusste von ihm, dass er eine Autostunde von Assisi entfernt ein vergessenes Kloster aus dem 11. Jahrhundert wiedergefunden hatte und dieses wieder aufgebaut hat. La Romita liegt auf einem Berg in der Nähe von Cesi fernab von öffentlichen Straßen, Strom- und Wasserversorgung und lediglich mit Geländewagen oder zu Fuß zu erreichen (http://www.la-romita.net/). In mir wuchs immer stärker der Wunsch, ihn wiederzusehen. An einem sonnigen Tag Anfang Januar machten wir uns auf den Weg, um La Romita zu finden. Ohne zu wissen, ob er zuhause ist und uns empfangen würde, wagten wir den Besuch. Die letzten 15 Minuten führten durch einen alten Steineichenwald und waren beschwerlich. Dann standen wir vor La Romita. Ein großer Gebäudekomplex, eine Kirche mit Kloster, mitten im Wald. Franziskus war hier gewesen und seit 1230 befand sich an dem Ort ein Kloster der Brüdergemeinschaft. Ein junger Mann empfing uns am Eingang und brachte uns in den Kreuzgang, wo wir Bernardino mit Gästen in der Sonne beim fullsizerender-5Mittagstisch antrafen. Es war ein herzliches Wiedersehen. Es brauchte einen Moment, bis er mich wiedererkannte. Dann geschah eine Begegnung, die für mich einen weiten Bogen, der sich über 35 Jahre meines Lebens spannt, zu einem Kreis schloss. Wir sangen gemeinsam das „Com’e bello“, ein Lied, das ich so sehr mit der Lebensfreude und Atmosphäre von San Masseo verbinde und im Singen erschien es mir für einen Moment, als ob sich die Grenzen der Zeit auflösten und eine Verschmelzung stattfände, in der sich versprengte Moleküle wiederfinden und sich zu einer neuen Materie verbinden. Es war eine große Freude, Bernardino zu treffen. Seine Geschichte von La Romita zu hören und seinen Mut, sein Vertrauen und seine Radikalität zu spüren, ermutigte uns, mit Vertrauen unseren Weg weiterzugehen.

Die Quellen werden zum Fluß
Jetzt fühlt sich unser Start von Terra Buona komplett an. Für mich ist es wichtig, die eigenen Lehrer und Menschen, die zur Inspiration beigetragen haben, zu würdigen. Bernardino gehört zweifelfrei dazu. Die Inspiration für Terra Buona und die Gestaltung des Projektes ist aus seinem Impuls, in den 70er Jahren San Masseo aufzubauen, entstanden. Wir führen eine geistliche Bewegung fort, die über ihn hinaus weist und bis zu Franziskus reicht und sich noch weiter zurück auf Jesus und seine spirituellen Wurzeln beruft. Und zugleich fließen alle weiteren Einflüsse mit in das Projekt ein, die in den letzten Jahrzehnten Anregungen zu unserer Entwicklung gegeben haben:

Und Buddha und sein Erleuchtungsweg, vor allem die Tradition des Zen und den tibetischen Vajrajana-Buddhismus;
die schamanische Sicht auf die Welt mit den Ritualen zur Verbindung mit den geistigen Kräften des Kosmos;
die Tiefenökologie, die ich vornehmlich durch Joanna Macy gelernt habe, mit der ich drei tiefenökologische Konferenzen in Assisi veranstaltete;
die Gestalttherapie, durch die mir ein tiefes Vertrauen in die immanenten Heilungskräfte des Lebens vermittelt wurde und die ich seit 1993 praktiziere und lehre;
Paul Lowe, an dessen Seminaren ich einige Jahre teilnahm und durch den ich den Wert von radikal ehrlichem Austausch kennengelernt habe und seither als unverzichtbare Grundhaltung in meinen Beziehungen lebe. Paul habe ich eine profunde innere Befreiung von alten Limitierungen zu verdanken;
Meister Eckehart, der christliche Mystiker, über dessen Werk ich meine theologische Diplomarbeit geschrieben habe und der mich den Bogen von der christlichen Mystik zur östlichen Spiritualität leichter schlagen lies;
unsere dreijährige Reisezeit als Familie, die wir zur Hälfte in Indien verbrachten, gab mir Raum und Zeit mich meinem Sohn und der Stille zu widmen.

Diese Einflüsse und noch vieles mehr, meist verbunden mit besonderen Begegnung, lassen gemeinsam mit uns dieses soziale Kunstwerk entstehen, das wir Terra Buona nennen.

Gemeinsam leben

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gemeinsamleben
Wir haben den Namen unserer Seite geändert von Communità Terra Buona – Wieder-Verbinden mit dem Leben zu  … – Gemeinsam leben.
Das Wort „Wieder-Verbinden“ traf nicht ganz unsere Ausrichtung. Auch wenn es so scheint, dass viele von uns ihre Verbindung zu sich selbst, zur Welt und zu Gott verloren haben, so lebe ich dennoch aus der Überzeugung, dass kein Mensch aus seiner wesenhaften Verbindung zum Leben herausfallen kann, wir bleiben verbunden, ganz gleich, was geschieht, ganz gleich, wie getrennt wir uns fühlen und unabhängig davon, ob wir uns wie getrennte Einzelwesen verhalten. Man könnte manchmal auch meinen, die Erde sei flach, aber sie bleibt rund.
Unsere Absicht ist es, Menschen Räume zur Verfügung zu stellen und eine Atmosphäre zu gestalten, wo die Verbundenheit mit sich selbst und dem Ganzen wieder erfahrbar werden kann, wo wir uns begegnen können und im Kontakt zu dem finden, was wir sind. Das geschieht in unserer Seminararbeit sowie an den Orten unseres Wirkens in Assisi und in Simonswald bei Freiburg. Das wollten wir ausdrücken mit dem Wort „Wieder-Verbinden“, aber es erscheint uns nun zu mißverständlich.
Daher wählen wir als neuen Untertitel Gemeinsam leben: Wir sind in all dem verbunden, was das Leben umfasst: in unserem Menschsein mit Körper, Geist und Seele, mit allen lebenden Wesen, mit der Erde und ihren evolutionären Vorgängen, mit der geistigen Welt und der Göttlichen Liebe. In diesem Bewusstsein leben wir gemeinsam. Auf Terra Buona bedeutet das eine Weile den Lebensraum zu teilen, in Stille zu sitzen, auf dem Land zu arbeiten, sich zu begegnen und auszutauschen, Natur zu erleben, Franz von Assisi kennenzulernen und das Leben zu genießen.
Wir freuen uns auf die Begegnung.

Weihnachtskrippe – made by Francesco

 

Nun ist es nichtmehr zu übersehen: die Welt bereitet sich wie alle Jahre auf eine Konsumschlacht vor, die immer noch Weihnachten genannt wird, obwohl immer weniger Menschen wissen, was da eigentlich gefeiert wird. Und noch weniger wissen, dass Franziskus von Assisi einen großen Anteil daran hatte, dass dieses Fest der Geburt Jesu wieder an den Platz gerückt wurde, wo es hingehört. Im Mittelalter war das Fest nämlich schon einmal pervertiert: die Reichen prassten und schlemmten in Glanz und Glorie, während die Kleinen und Armen buchstäblich nichts hatten. Die Kluft zwischen Armen und Reichen war im 13. Jahrhundert tief und schroff. Und heute ist es nicht anders.

Franziskus bemerkte die Diskrepanz: Jesus wurde im Stall geboren, die ersten, die ihn besuchten, waren Hirten und zeitlebens fühlte er sich zu den Armen, den Benachteiligten und Randgruppen hingezogen. Das konnte für den heiligen Rebell nicht so stehen bleiben. Da er weniger ein Mann des Wortes, sondern eher ein Mann der Tat war, lud er am Heiligabend die kleinen Leute in seine Einsiedelei nach Greccio ein, um mit ihm das Weihnachtsfest zu feieren: er baute eine Futterkrippe, ließ einen Ochsen und einen Esel mitbringen, entzündete Kerzen, legte ein Kind in die Krippe und sang dasWeihnachtsevangelium. Und jeder der gekommen war, verstand die Botschaft.

 

Kein automatischer Alternativtext verfügbar.

 

Seither basteln und gestalten übrigens Menschen in der ganzen Welt Krippen und stellen dar, was die Weihnachtsgeschichte uns erzählt: Gottwird Mensch in einem Stall.

Meister Eckehart sagt es in seiner mystischen Sprache: „In jedem Moment gebiert Gott seinen Sohn im innersten der Seele.“

Weihnachten ist hier und jetzt – immer.

 

 

 

(Das Bild zeigt die Darstellung der Geschichte von Giotto in der Basilika San Francesco in Assisi. Der Künstler verlegt die Szene in den Kirchenraum hinter dem Lettner, der eigentlich nur für den Klerus zugänglich und für das Volk verschlossen war. Man sieht sogar die Aufhängung des Kreuzes von hinten: alles nur Kulisse.)