„Es macht die Wüste so schön, dass sie einen Brunnen hat!“

Wüstenwanderung/Visions-Suche

An einen Tag in der Woche regen wir an, nach den Morgenarbeiten das Haus zu verlassen und sich in der Natur aufzuhalten. Mit den Fragen auf den Weg zu machen, die einen bewegen und nach Antworten in der Stille sowie im Kontakt mit den Naturkräften zu bitten und zu suchen, kann eine sehr intensive Erfahrung sein. Alleine unterwegs zu sein erinnert an die alte Tradition des Pilgerns, die in allen Religionen praktiziert wird. Die Nordamerikanischen Ureinwohner ziehen sich in Zeiten der  Übergänge  zu neuen Lebensphasen alleine für mehrere Tage in die Natur zurück, um zu fasten und um eine Vision zu flehen, die ihnen neue Orientierung gibt. Auch schon ein Tag in der Natur ohne Ablenkung und ohne Wanderziel kann die eigene Intuition wachrufen und es können neue Impulse für den eigenen Lebensweg auftauchen.

In unserem Kulturkreis zog es in der Vergangenheit Menschen, die sich auf der Suche nach ihrer Beziehung zum Göttlichen machten, in die Wüste. Die Wüste ist der Inbegriff der Leerheit: keine Formenvielfalt, keine Geräuschkulisse, kein Zerstreuungsangebot lenken den Geist von seiner Begegnung mit sich selbst ab. Die Wüste ist auch der Inbegriff der Gottesbegegnung. In der Situation des Ausgesetztseins wächst das Spannungsfeld zwischen der Erfahrung des Eingebundenseins in das Ganze und der Verlorenheit in der eigenen Existenz. Diese Spannung ruft nach einer Lösung, die nicht aus der Begrenztheit des Verstandes, noch aus der Flüchtigkeit der Emotionalität erwächst, sondern die Dimension des Personalen übersteigt.

In diesem Sinn verstehen wir die Wüstenwanderung als einen Ausflug in die Begegnung mit sich selbst. Saint Exupéry sagt im Kleinen Prinz: „Es macht die Wüste so schön, dass sie einen Brunnen hat“.  Diesen Brunnen zu finden, als zarte Quelle oder sprudelnden Bach, das ist das Abenteuer.